Monthly Archives: May 2017

Das sind zwar keine schönen Bilder, aber…

… wenn es schon sein muss, dann sollten wir es wenigstens “richtig” machen. Nicht wahr?

Am 12. Mai 2017 hat der Bayerische Rundfunk ein Video veröffentlicht, Tierschutz beim Schlachten: Schonendes Töten, besseres Fleisch | Unser Land | BR, in dem gezeigt wird, wie Schweine “schonend” geschlachtet werden. Es ist ein bemerkenswerter Zeitpunkt, da kurz zuvor andere Videoaufnahmen aus einem Bio-Schlachthof ebenfalls in Bayern Aufsehen erregten, weil sie zeigten, wie Tiere grob und grausam behandelt werden, wenn sie nicht in die Tötungsbox gehen wollen. Es gibt auch Videoaufnahmen, die belegen, dass nicht wenige Tiere leider nicht ausreichend bewusstlos(1) sind, wenn die Weiterverarbeitung beginnt.

Im Einführungstext zum Video steht folgender Satz:

Wir zeigen, wie es bei einem Metzger vorbildlich läuft, auch wenn das keine angenehmen Bilder sind.

(Hervorhebung von mir.)

Wieso warnt man vorsorglich, dass es keine angenehmen Bilder sind? Hier wird doch nur gezeigt, wie unser Essen gemacht wird und noch dazu auf vorbildliche Weise? Da müssten wir doch mit Begeisterung und auf Hochtouren arbeitenden Speicheldrüsen zusehen können und sogar wollen, oder etwa nicht?

Wenn es uns unangenehm ist, zuzusehen, wie Tiere getötet werden; wenn wir uns vor Blut ekeln und das Geräusch, wenn einem Tier die Haut abgezogen wird, grässlich finden; wenn wir selbst dann nicht zusehen mögen, wenn alles “mit rechten Dingen” zugeht, sollten wir uns dann nicht vielleicht fragen, warum das so ist? Warum müssen wir gewarnt werden, dass jetzt gleich vorgeführt wird, wie Tiere getötet werden? Warum müssen wir vor diesem Anblick geschützt werden? Es müsste uns doch statt dessen das Wasser im Mund zusammen laufen.

Viele Metzger berichten, dass es ihnen zumindest anfangs nicht leicht gefallen ist, Tiere zu töten. (Benjamin Koch auf die Frage, ob Töten Spaß mache: “Spaß macht das nicht, aber es macht mich auch nicht mehr traurig.”(2) Also hat ihn das Töten zu Beginn traurig gemacht. Und was ist dann passiert? Ist es ihm gelungen, sich ausreichend abzuhärten? Hat er seine Abneigung gegen das Töten überwunden?

Wieso halten wir seelische Abhärtung und die Überwindung unseres natürlichen Mitgefühls für erstrebenswerte, gar “männliche”, Eigenschaften?

Wie wahrscheinlich ist es, dass die Natur, dass Evolution, ein Lebewesen hervorbringt, das sich vor der Gewinnung seines vermeintlich wichtigsten Lebensmittels ekelt? Das sich beim Anblick der Herstellung seiner Nahrung unangenehm berührt fühlt, das sich windet und wegsehen möchte, das sich ekelt und mit seinem Essen Mitleid empfindet? Sind all diese unangenehmen Gefühle, die wir erleben, wenn wir ein solches Video ansehen, denn günstig für das Überleben der Art? Können dieser Widerwillen, dieser Ekel vor der Herstellung des eigenen Essens, denn ein Vorteil beim Überleben sein?

Wie viele Löwen mag es wohl geben, die Hemmungen haben, einem Zebra an die Gurgel zu gehen, und die erst mühsam lernen müssen, diese Hemmungen zu überwinden? Wie viele Hyänen gibt es wohl, die sich vor vermodernden Kadavern ekeln? So etwas kommt einfach nicht vor in der Natur. Jedes Lebewesen liebt und genießt das Essen, das es am besten verträgt, das die beste Nahrungsquelle für es ist. Wir ekeln uns nicht davor, Früchte zu pflücken, Nüsse zu knacken oder Gemüse zu schneiden. Wenn wir in einen Apfel beißen, tut er uns nicht leid.

Wenn das Blut wäre, wäre es dann immer noch niedlich?

Gemeinschaftliches Pilze- oder Beerensammeln empfinden wir als angenehm, unterhaltsam, Gemeinschaft stiftend und zutiefst befriedigend. Wenn kleine Kinder mitten im Erdbeerfeld sitzen, glücklich und selbstvergessen eine süße Frucht nach der anderen in sich hineinstopfend, finden wir das entzückend. Würde dasselbe Kind mit blutverschmiertem Gesicht am aufgerissenen Bauch eines Gnus hocken und rohe Fleischfetzen verschlingen, würde uns das Grauen schütteln. Das ist der Stoff aus dem Gruselfilme gemacht werden.

Niemals würden wir ein Kind mit in einen Schlachthof nehmen und ihm stolz präsentieren, wie sein Essen gemacht wird. Die meisten Kinder wären schwer traumatisiert und viele Erwachsene auch. Der Prozess der Abstumpfung dauert lang. Meist gelingt er gar nicht. Wir werden lediglich Meister in der Kunst des Wegsehens, des Nicht-Genau-Hinsehens, des Ignorierens. – “Hör auf, mir davon zu erzählen, sonst schmeckt mir mein Essen nicht mehr!” – Deshalb müssen wir vorsorglich gewarnt werden bei solchen Videos, damit wir nicht unvorbereitet mit der Realität konfrontiert werden, damit wir Gelegenheit haben, noch schnell abzuschalten, das Zimmer zu verlassen, wegzusehen oder uns innerlich zu stählen, damit wir dem Anblick standhalten können.

Löwenkinder haben damit keinerlei Probleme. Wenn die Eltern eine halbe Gazelle heran schleifen, dann ekeln sie sich nicht, dann sind sie keineswegs traumatisiert, sondern stürzen sich darauf, ohne die kleinsten Gewissensbisse. Löwenkinder finden das toll. Das ist ihr Essen. Würden wir Menschenkindern ein halbes, rohes Kaninchen auf den Teller klatschen, wäre das Geschrei groß. Wenn das Kind hingegen mit Gusto seine Zähne in den dampfenden Kadaver schlagen würde, schauderte uns vor diesem Kind.

Warum ist das so? Warum kostet es uns Überwindung, zuzusehen, wenn Tiere getötet werden? Warum ist es schwierig, das Töten zu lernen? Warum verstecken wir es vor uns, indem wir die Schlachthöfe in abgelegene Gewerbegebiete verbannen? Warum sind diese Berufe stigmatisiert? – “Also, ich könnte das nie!” – Warum machen wir keine Unterhaltungsausflüge in die Schlachthöfe, um uns “unser” Fleisch selbst von den toten Körpern zu schneiden? Warum finden wir es eklig, wenn ein Kadaver ausgenommen wird und die Gedärme herausquellen? Warum haben wir überhaupt Mitleid mit diesen Lebewesen?

Warum finden wir es so unerträglich, wenn wir an dieses ganz ursprüngliche, uns mühelos zufliegende Mitgefühl erinnert werden? Warum sind wir verärgert, wenn an unser Mitleid appelliert wird? Sind nicht gerade dieses Mitgefühl und unser Empfinden für Gerechtigkeit, Ethik und Moral ganz besonders große Errungenschaften, auf die wir zu Recht stolz sein dürfen?

Das sind keine rhetorischen Fragen. Ich bitte die LeserInnen ganz dringend in sich zu gehen und sich diese Fragen selbst zu stellen.

Wer sich noch etwas eingehender mit diesem Thema befassen möchte und des Englischen mächtig ist, sollte sich unbedingt Dr. Milton Mills’ Vortrag über “Meat Eating and the Biology of Disgust” ansehen.

Ich bin längst davon überzeugt, dass unser Mitgefühl keineswegs Ausdruck von Verweichlichung und Entfremdung von der Natur ist. Ganz im Gegenteil. Wir haben Mitgefühl mit den anderen Tieren, weil wir wissen, dass sie sich in den wesentlichen Dingen nicht von uns unterscheiden. Wir haben Lungen, Herzen, Haut, Knochen, Lebern, Nieren, Muskeln, Nerven. Ihre Organe funktionieren nicht wesentlich anders als unsere. Sie erfüllen dieselben Aufgaben auf dieselbe Weise. Die Unterschiede sind höchstens graduell, nicht essentiell. Warum sollten ausgerechnet ihre Gehirne so wesentlich anders funktionieren?

Wir verstehen ihre Körper, weil wir unsere Körper verstehen. Wir verstehen den Ausdruck von Angst in ihren Augen, weil er sich nicht von dem Ausdruck der Angst in unseren Augen unterscheidet. Wir verstehen ihre Körpersprache, weil wir unsere Körpersprache verstehen. Wir verstehen ihren Schmerz, weil wir unseren verstehen. Wir sind aus derselben Evolution hervorgegangen, wir sind keine Fremden, wir sind verwandt miteinander. Wir sind verwandte Seelen.

Sieh in ihre Augen und erkenne dich selbst darin. Wenn es um Leben und Tod geht, gibt es keinen Unterschied zwischen ihnen und uns.

Wir müssen unsere Geschwister nicht töten.

Wir dürfen unsere Geschwister nicht töten.


(1) Hier ein Video zur unzureichenden Bewusstlosigkeit: Bruellen der Rinder -lebendig zerlegt beim Schlachter um die Ecke und ein erläuternder Text eines Amtstierarztes, damit man die Aufnahmen besser verstehen und einordnen kann:

“Da sieht man ja alles wunderbar, wogegen ich bei der Arbeit ankämpfe. Alle Treibmethoden. Mit Gabeln und sogar winzige Kälber mit dem verbotenen Schwanzgriff treiben, bei dem man die Schwänze bricht. Als ob so ein Winzling nicht anders vorwärts geschoben werden könnte. Bei 7:12 einen Bullen, bei dem der Betäubungsschuß völlig daneben ging. Er blinzelt noch und ist bei vollem Bewusstsein. Der bei 9:30 hat einen leichten Hau abgekriegt, das sieht man am zitternden Aufgapfel. Aber auch da ist bei Weitem keine ausreichende Betäubung vorhanden. Wenn sie noch selber blinzeln oder zumindest auf Berührung des Augapfels blinzeln, ist die Betäubung auf jeden Fall misslungen. Man sieht auch sehr schön, dass die nicht ausreichend betäubten Tiere nicht zappeln. Bei 12:12 sieht man einen Bullen, bei dem die Betäubung funktioniert hat. Die Zunge hängt heraus, er zeigt eine letzte Agonieschnappatmung und dann entlädt sich die Restenergie in den Zellen, die zu Flucht oder Kampf bereit gestellt war in zappelnden Bewegungen. Sieht am schlimmsten aus, was irreführend ist. Bei 13:08 sieht man eine offenbar gelungene Betäubung. Der Bulle scheint gut getroffen, er verdreht die Augen, ein Zeichen dafür, dass das Gehirn einen Schlag ab bekommen hat. Der Metzger testet sogar den “Zwinker-Reflex”. Aber bei 13:40 zeigt ein anderer Bulle ein ähnliches Gesicht und kommt dann doch wieder zu sich, zwinkert und ist voll dabei, als es der Arbeiter nicht mehr nachprüft. Die Schädelplatte der Bullen ist sehr dick. Leicht verkantet oder verrutscht, wird der Bolzenschuß sofort unwirksam. Zwischen gar nicht und gut betäubt gibt es jede mögliche denkbare Variante. Den Ton hatte ich nicht an.”
~N.T.

(2)
10 Fragen an einen Metzger

Parents overjoyed – brutal son goes reducetarian

baby-1880769_1920John and Hillary W. are enthralled that their son Rudi (7) is finally going reducetarian and has vowed to beat up his little sister Sandra (2) only on 6 days a week instead of daily.

“It’s a step in the right direction. We are so proud of him.”

In one or two years, if Rudi got accustomed to it, he might even think about reducing to 5 days per week. Who knows, in 20 or 30 years he might even be able to totally forego the violence. To ask an immediate end to the beatings would be far too extrem, totally dogmatic, and completely unrealistic.

“One must not ask too much at once. That would make Rudi cantankerous and stubborn. You have to be grateful for every little improvement.”

When asked why Rudi is not just given a sandbag or punching-ball to box those instead, the answer was: “Well, that’s just not like the real thing. Hitting a living, screaming face feels so much better to him. We simply can’t ask such a big sacrifice of him.”

Little Sandra did not comment as she’s still recovering from the last blows, but she’s already looking forward to next week’s beat-free Monday.

#Reducetarianism #Flexitarianism #Pescetarianism #Vegetarianism #Bullshitarianism

#NoExcuses #GetReal #BeFair #GoVegan

German Version:
https://oideschachdl.wordpress.com/2017/05/08/eltern-uberglucklich-brutaler-sohn-wird-reducetarier/

Eltern überglücklich – Brutaler Sohn wird Reducetarier!

baby-1880769_1920Heinz und Renate W. sind begeistert, denn ihr Sohn Rudi (7) wird endlich Reducetarier und hat sich vorgenommen, zukünftig seine kleine Schwester Sandra (2) nur noch an 6 Tagen pro Woche grün und blau zu prügeln, statt wie jetzt täglich.

“Es ist immerhin ein Schritt in die richtige Richtung. Wir sind so stolz auf ihn.”

In ein oder zwei Jahren, wenn Rudi sich daran gewöhnt hat, kann er vielleicht sogar auf nur 5 Tage wöchentlich reduzieren. Wer weiss, womöglich schafft er es in 20 oder 30 Jahren sogar, ganz auf Gewalt zu verzichten. Sofortigen Gewaltverzicht zu verlangen, wäre einfach viel zu extrem, total dogmatisch und vor allem völlig unrealistisch.

“Man darf einfach nicht zu viel auf einmal verlangen. Da wird Rudi störrisch und verweigert sich total. Man muss eben dankbar für jede noch so kleine Verbesserung sein.”

Die kleine Sandra hat sich nicht dazu geäußert, sie erholt sich noch von den letzten Faustschlägen und freut sich schon einmal auf den kommenden “beat-free” Montag.

#Reducetarianism #Flexitarianism #Pescetarianism #Vegetarianism #Bullshitarianism

#NoExcuses #GetReal #BeFair #GoVegan

Englische Version:
https://oideschachdl.wordpress.com/2017/05/08/parents-overjoyed-brutal-son-goes-reducetarian/

Gedanken zum Muttertag

Es handelt sich um eine Übersetzung des Artikels a thought for mother’s day eines meiner Lieblings-Blogs “There’s an Elephant in the Room“. Jeder der Artikel ist lesens- und bedenkenswert.

***

 

A thought for Mother’s Day

Der Muttertag naht in England (und auch Deutschland) und das ist traditionell eine Zeit, in der wir in Liebe und Dankbarkeit an unsere Mütter denken. Wenn wir selbst Mütter sind, dann ist es eine Zeit, die wir mit der Familie verbringen und das besondere Band feiern und  bekräftigen, das zwischen einer Mutter und ihrem Kind besteht, ungeachtet der Jahre, die vergangen sind, seit wir sie zum ersten Mal in unsere Arme und Herzen schlossen, und die ungeachtet ihres Alters immer unsere Kinder sein werden bis zu unserem letzten Atemzug.

Wir Mütter teilen ein einzigartiges Verstehen, wir kennen unsere dunkelsten Ängste. Wir wissen, was eine Mutter in den stillen Stunden tiefer Nacht wach hält, wenn unser verzweifeltes Bedürfnis unsere Kinder zu beschützen die Erschöpfung besiegt, genährt von den schlimmsten Befürchtungen, die wir nicht auszusprechen wagen.

Mutterschaft ist keine rein menschliche Erfahrung, wie jeder bestätigen kann, der schon einmal die zärtliche Hingabe gesehen hat, mit der alle Mütter jeder Spezies ihre Kleinkinder überschütten, die sie unter Schmerzen geboren haben und die sie nun mit atemlosen Staunen in der Welt begrüssen.

Wenn wir die Milch, die Eier, das Fleisch oder die Körperteile der Mitglieder einer anderen Spezies essen oder tragen oder für irgendeinen anderen der Vielzahl abscheulicher Zwecke verwenden, die unsere Spezies sich erdacht hat, gibt es etwas, dem wir ausweichen, das wir nicht sehen wollen. Aber heute, im wahren Geiste des Muttertags, lasst uns endlich der Wahrheit ins Gesicht sehen, damit wir beginnen können, diesem Alptraum ein Ende zu setzen.

Milk_industry_22 Commons.jpgEs ist unerheblich für welchen Zweck wir andere Individuen benutzen, jede der zugrunde liegenden Praktiken erfordert die mitleidlose Ausbeutung des mütterlichen Reproduktionsprozesses; das Entfernen, das Verletzen und das Töten ihrer Kinder. Das ist immer der Fall und egal was uns statt dessen erzählt wird, es gibt keine ‘humane’, keine ‘artgerechte’ Weise, dies zu tun. Tatsächlich tun wir anderen empfindungsfähigen Müttern das an, was wir selbst nie aushalten könnten; was uns in unseren schlimmsten Alpträumen verfolgt.

Es gibt keine Notwendigkeit für uns, das zu tun, nicht die geringste.  Wir können gut leben, und unsere Kinder können gedeihen, ohne anderen Schaden zuzufügen. Alles, was dafür nötig ist, ist sich der Mythen zu entledigen, die uns unser Leben lang eingetrichtert wurden, und mit neuen Augen und gesundem Menschenverstand hinzusehen. Und dann, wie es bereits so viele von uns getan haben, zu sagen: ‘Genug. Ich lehne es ab, meine schlimmsten Ängste irgendeiner anderen Mutter anzutun.’

Heute ist ein guter Tag, damit zu beginnen. Lassen wir den Muttertag einen Festtag für alle Mütter sein. Sei vegan.