Wenn ich Tierwirt*in wäre

Ich gebe zu, wäre ich Tierwirtin, hätte ich eine Stinkwut auf die vegane Bewegung. Und Angst.

Das hier wird ein schwieriger Artikel. Ich versuche zu verstehen, mitzufühlen. Das kann leicht wie mitleidige Arroganz wirken. So ist es aber nicht gemeint. Ich versuche einfach nur, mich in die Lage anderer hinein zu versetzen.

Was wären wohl meine Gedanken, wenn ich Tierwirtin wäre und meinen Lebensunterhalt durch Tiere verdiente? Vielleicht etwa dies:

“Was fällt diesen überheblichen Besserwissern eigentlich ein? Mein Leben lang habe ich geschuftet, um die Menschen mit Nahrung zu versorgen, mit lebenswichtigen Produkten. Mit Milch, mit Fleisch, mit Eiern. Und nun soll das alles nichts wert gewesen sein? Nun soll ich auf einmal ein unethischer Mensch sein? 7 Tage die Woche muss ich für die Tiere da sein, früh aufstehen, bis in die Abendstunden mich abplacken und noch Buchführung machen, immer neue Gesetze und Änderungen beachten und jetzt soll ich mich auch noch schämen dafür?

Mein ganzes Leben lang war ich davon überzeugt, das Richtige zu tun, eine wichtige Aufgabe für die Allgemeinheit zu erfüllen und jetzt soll das auf einmal unmoralisch sein? Die kommen einfach daher und stellen alles in Frage, was ich mein Leben lang getan habe und geglaubt habe. Die stellen meine Arbeit, meine Überzeugungen in Frage. Sie stellen mich in Frage. Mit welchem Recht eigentlich?

Meinen die vielleicht, dass das immer so einfach ist? Ich bin doch kein Unmensch, ich sehe doch auch, dass die Tiere oft leiden und dass sie nicht sterben wollen. Immer war ich davon überzeugt, dass das nun einmal notwendig ist, dass irgendjemand diese traurige Aufgabe machen muss, weil wir diese Produkte nun einmal brauchen. Glauben die wirklich, dass mich das nicht auch berührt hätte in all der Zeit? Halten die mich für ein Monster, oder was? Es ist auch für mich nicht leicht und jetzt soll das alles umsonst gewesen sein? Unnötig sogar? Das kann nicht sein. Das darf nicht sein.

alone-513525_1920Die wollen mir wohl meinen Lebensunterhalt wegnehmen? Meinen Lebensinhalt reden sie schlecht.  Was soll ich denn machen? Wie soll ich meine Familie ernähren? Mit Fördergeldern bin ich geködert worden und nun bin ich bis über beide Ohren verschuldet. Selbst wenn ich wollte, dann könnte ich jetzt nicht aufhören damit. Was soll ich denn machen? Ich sitze doch in der Falle. Es gibt praktisch keine anderen Verdienstmöglichkeiten, eine Umstellung auf Pflanzen würde erst einmal mehr kosten als herein kommt. Wie soll ich das denn bezahlen? Wie soll ich das überbrücken? Und wer garantiert mir, dass ich dann damit mein Auskommen hätte? Von überall her werden angebliche Bio-Produkte zu Dumpingpreisen importiert. Da kann ich doch gar nicht mithalten.

Was soll ich denn tun? Das ist einfach ungerecht und unfair!”

Kann sein, dass ich komplett falsch liege. Dennoch wünschte ich mir, dass die Parteien, die Landwirtschaftsminister, wer auch immer dazu in der Lage ist, Programme und Förderungen entwickelt, die es den Bauern leicht machen, von der Tierwirtschaft auf die Landwirtschaft umzusteigen. Umschuldung, von mir aus auch Entschuldung, Förderung von ökologischer bio-dynamischer Landwirtschaft, oder noch besser, bio-veganer Landwirtschaft.

Die Landwirtschaft ist einer der wichtigsten, ehrenvollsten Berufe überhaupt. Jedes Mal, wenn ich im Supermarkt die Obst- und Gemüse-Abteilung bestaune, oder auf dem Wochenmarkt das bunte, vielfältige Angebot sehe, bin ich einfach nur dankbar, dass es Landwirte gibt, die all das erzeugen. Ich wünsche mir nicht weniger Landwirte, ich bekämpfe nicht die Bauern. Ich wünsche mir, dass die Tierwirte auf Landwirtschaft umsteigen und dass es ihnen leicht gemacht wird, das zu tun.

Liebe Landwirte,

ich hasse Euch nicht und ich verachte Euch nicht. Ich will Euch nichts Böses. Aber ich bin der Meinung, dass dieses System der Tierprodukte-Erzeugung nur Leid verursacht, bei Tier und Mensch, und ich wünsche mir nichts sehnlicher, als das wir gemeinsam Wege aus dieser Misere finden.

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Ein paar Gedanken zu “veganen” Tierzüchtern

Im Deutschlandfunk (ausgerechnet in der Sparte “Kultur”) wird in den höchsten Tönen ein angeblich veganer Schweinezüchter ob seiner hohen ethischen Ansprüche gelobt. Wenige Wochen davor berichteten NDR, ARD und ZDF über eine angeblich vegane Rinderzüchterin.

Schätze, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die ersten veganen Treibnetzfischer, Hummerköche, Nerzmantel- und Stopfleber-Produzenten zu Wort melden.

Hier mein Kommentar zu dem Schweinebauern-Artikel, den ich ganz gewiss nicht verlinken werde, weil ich nicht auch noch Werbung für einen meines Erachtens ziemlich peinlichen journalistischen Fehlschlag sowie den darin genannten Hof machen werde.

“Das Wort ‘Veganismus’ bezeichnet eine Philosophie und Lebensweise, die versucht, so weit wie möglich und praktisch durchführbar, alle Formen der Ausbeutung und Grausamkeiten an Tieren für Essen, Kleidung oder andere Zwecke zu vermeiden und darüber hinaus die Entwicklung tierfreier Alternativen zu fördern, was Menschen, Tieren und der Umwelt zum Vorteil gereichen soll.”

~Donald Watson, Gründer der Vegan Society und Erfinder des Wortes ‘vegan’.

Man hätte das recherchieren können. Hätte man, wenn man nicht so sehr damit beschäftigt gewesen wäre, sich die Werbung für den Hof des Herrn A. in die Feder diktieren zu lassen.

“Ich bin nicht dafür da, dass ich meine Schweine schlachte und umbringe” – Ja, Nee, is klar. Dafür gibt’s ja andere. Kommt mir bekannt vor. Da gab’s doch einen berühmt-berüchtigten römischen Präfekten mit P, der hat auch seine Hände in Unschuld gewaschen.

“Diese besondere Ethik herrschte nicht immer ” – Ja, diese Ethik finde ich auch ziemlich besonders. Wenn ich (angeblich) nett zu einem fühlenden Wesen bin, dann darf ich es nachher töten (lassen). Den Gedanken kann man ruhig mal weiter spinnen: Wenn ein Mann einer Frau ein schönes Abendessen spendiert, dann darf er nachher auch… In beiden Fällen definiert der Nutznießer was “gut” ist, die Opfer haben halt letztlich Pech, dürfen sich aber darüber freuen, dass die Nutznießer sich immerhin für vegan halten.

Dieser Mann ist kein Veganer, sondern einfach nur jemand, der aus gesundheitlichen Gründen auf eine pflanzliche Ernährung umgestiegen ist. Zitat: “Durch den Verzicht auf tierische Lebensmittel wurde er sein langjähriges Muskelrheuma los.”

Hm. Genau da muss ich mal eben kurz stutzen. Ich denke, rein pflanzliche Ernährung ist total ungesund, weil da die wichtigen Fleisch-Vitamine fehlen. Wieso kann man davon gesund werden? Überall wird uns erzählt, dass man von dieser üblen Mangelernährung zwangsläufig sterbenskrank wird. Und jetzt dann doch nicht? Ja, was denn nun? Ist der Herr A. damit nicht selbst der beste Beweis dafür, dass wir nicht nur kein Fleisch brauchen, sondern es vielleicht sogar meiden sollten?

Da er das am eigenen Leib erlebt hat, wieso denkt er dann, es sei seine gesellschaftliche Aufgabe, weiterhin Fleisch zu produzieren? Müsste er sich da nicht eigentlich Vorwürfe machen, weil er ein womöglich gesundheitsschädliches Produkt erzeugt?

Fragen über Fragen. Aber egal. Herr A. hat eine schöne Werbung für seinen Hof bekommen, die Verbraucher dürfen sich im guten Gewissen suhlen und beruhigt weiter die kostbaren Leben fühlender Wesen konsumieren, der Sender hat irgendwas veröffentlicht. Win-Win-Win. Alle sind zufrieden. Bis auf die Schweine. Die werden immer noch getötet, sobald sie “reif” sind, was meistens im Alter von 6-8 Monaten der Fall ist. Sie könnten, wie Hunde, 15 Jahre alt werden. Könnten, wenn man sie einfach in Ruhe ließe.

“Wie konnten wir nur jemals denken, es sei unser Lebenszweck, andere Lebewesen ihres Lebenszwecks zu berauben?”
~Dr. Will Tuttle, World Peace Diet


Edit 6. Juni 2017.
Ergänzung:
Zitat: “Durch den Verzicht auf tierische Lebensmittel wurde er sein langjähriges Muskelrheuma los.”
Da kein Link zum Artikel des Deutschlandfunks gegeben wurde, in dem man das nachlesen konnte, war es unklar, woher ich wusste, dass der Herr aus gesundheitlichen Gründen auf pflanzliche Ernährung umstieg.

Psychotest: Wie sozial verträglich bist du?

Psychotest: Wie sozial verträglich bist du?

Szenario:

Drei Hunde liegen friedlich dösend am Wegesrand unter einem Baum im Schatten. Ein Mann geht vorbei und tritt einem der Hunde kraftvoll in die Rippen.

Was tust du?

1. Nichts natürlich. Jeder wie er mag. Er respektiert deine Entscheidung, keine Hunde zu treten, also respektierst du seine auch. Außerdem sind Hunde schon immer getreten worden und es wird auch immer Menschen geben, die Hunde treten, also was soll’s? So ist eben die Welt.

2. Du klopfst dem Mann bewundernd auf die Schulter und lobst ihn dafür, dass er die anderen beiden Hunde nicht auch getreten hat. Absolut großartiger, selbstloser Verzicht und auf jeden Fall ein Schritt in die richtige Richtung.

3. Du stellst den Mann zur Rede, versuchst dem getretenen Hund zu helfen und die anderen beiden aus der Gefahrenzone zu bringen. Dann erklärst du dem Mann, dass es nicht in Ordnung ist, fühlende Wesen nur zum Vergnügen zu verletzen und dass er das zukünftig unterlassen sollte.

Auflösung:

1) Glückwunsch! Du bist ein toleranter, realistischer Mensch, der andere respektiert und es nicht nötig hat, ihnen die eigene Meinung aufzuzwingen. Du bist somit ein hervorragend sozial verträglicher Mensch und bei allen zu Recht beliebt.

2) Du bist ein Held für die Tiere und weißt einfach, wie man seine Mitmenschen motiviert und überzeugt. Dabei wirst Du jedoch nie überheblich und verlangst nie zuviel. Deine Sozialverträglichkeit ist vorbildlich und Du verdienst es, dass alle Dich bewundern und Deine Freunde sein wollen.

3) Leider verloren! Deine Sozialverträglichkeit lässt deutlich zu wünschen übrig. Lass doch endlich die Moralkeule stecken, denn damit erreichst Du niemanden! Mit Deinen völlig überzogenen, unrealistischen Forderungen treibst Du alle in die Flucht. Hör endlich auf, zu missionieren und allen Deine Meinung aufzuzwingen, dann kann auch aus Dir noch ein Menschenfreund werden.


Dieses Gedankenexperiment ist nicht neu und auch nicht originell, aber ich wollte es dennoch in meinen eigenen Worten ausdrücken. Hier die beiden Beiträge, die mich dazu inspiriert haben.

Zuerst die schlafende Katze von “Free From Harm”, einem sehr lesenswerten Blog:

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Und zweitens, dieser ebenfalls sehr lesenswerte Beitrag vom Semantic Parser, in dem es um Zivilcourage geht:

http://veganswer.de/jeder-wie-er-will-gedankenexperiment/