Ein paar Gedanken zu Moral

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Wenn es um Moral geht, dann gibt es drei Typen von Lebewesen.

  1. Moralische Lebewesen, die die Tragweite ihres Handelns überblicken und verstehen können, Verantwortung übernehmen und freiwillig ihr Handeln dort selbst beschränken, wo es anderen Schaden zufügt.
  2. Amoralische Lebewesen, die die Tragweite ihres Handelns nicht überblicken und verstehen können und deshalb für ihr Handeln auch nicht verantwortlich gemacht werden können. Hierzu zählen z.B. die anderen Tiere oder auch kleine Kinder.
  3. Unmoralische Lebewesen, die die Tragweite ihres Handelns überblicken und verstehen können, demzufolge zwar die Verantwortung für die Konsequenzen tragen, sich aber dennoch die Freiheit nehmen, ihre Wünsche über die Interessen anderer stellen.

Wenn du diesen Text lesen und verstehen konntest, dann fällst du schon einmal nicht in die zweite Gruppe. Ob du zur ersten oder dritten gehörst, entscheidest du.

Deine Wahl.

 

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Superkräfte

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Jede Spezies hat ihre eigenen Superkräfte. Wale können ganz lang die Luft anhalten und ganz tief tauchen. Fledermäuse können mit den Ohren im Dunkeln “sehen”. Schlangen können mit der Zunge riechen. Elefanten können mit ihren Nasen duschen. Die Liste lässt sich beliebig fortsetzen.

Was sind unsere Superkräfte?

Ich würde sagen: Intelligenz und Ethik. Die haben wir in ungewöhnlich großem Maß. Beide sind eine tolle Sache. Wenn man sie anwendet.

Leider verwenden wir unsere Intelligenz nicht besonders klug.

Sonst würden wir statt Waffen lieber Schulen bauen und Krankenhäuser und vor allem Unterkünfte für alle, die welche brauchen.

Wir würden hilfsbereite, großzügige Menschen nicht für realitätsferne, naive Deppen halten, die “selbst schuld” sind, wenn sie übervorteilt werden und superreiche Menschen nicht für ihren Reichtum bewundern, sondern eher mit Argwohn und eventuell einem Anflug von Verachtung betrachten.

Und wir würden nicht so viel Mentalgymnastik betreiben, um unser Verhalten anderen Menschen und den anderen Tieren gegenüber irgendwie zu rechtfertigen, sondern wir würden mit aller Macht nach Mitteln und Wegen suchen, jedes vermeidbare Leid nach Kräften zu vermeiden.

Ich finde es beschämend, dass wir unsere Intelligenz und Ethik nicht dazu verwenden, die Welt zu einem besseren, angenehmeren, sichereren Ort für alle zu machen, sondern überwiegend dafür, Ausreden und Rechtfertigungen für unser unethisches Verhalten zu erfinden.

Wir verwenden unsere Intelligenz, um unsere Ethik auszuhebeln.

Wir sind die einzige Spezies, die ihre Superkräfte kaum nutzt oder absichtlich über Bord wirft.

Aggression, Vorwürfe und Schuld

Dies ist eine Übersetzung des Blog-Beitrags: Aggression, blame and guilt vom 14. Dezember 2017.

There’s an Elephant in the Room blog ist einer der besten Blogs zum Thema Veganismus und Tierrechte und ich wünschte, ich hätte mehr Zeit, denn am liebsten würde ich alle Beiträge übersetzen.

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Foto: Jo-Anne McArthur, We Animals

Ein Kommentar zu einem kürzlich erschienen Beitrag meinte hinsichtlich veganer Überzeugungsarbeit, dass ‘die Leute auf Aggression, Vorwürfe und Schuld nicht positiv ansprechen würden, sondern viel eher auf Ermunterung, Lob und Bildung’. Ich muss sagen, dass ich mit diesem Prinzip übereinstimme, allerdings unter bestimmten Bedingungen, die ich erläutern werde.

Lektionen aus der Vergangenheit

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, wir alle müssen uns daran erinnern, woher wir gekommen sind, müssen uns daran erinnern, wie wir aufgewachsen sind, müssen uns daran erinnern, was und wie wir gedacht haben. Wir können es uns nicht leisten zu vergessen, was wir getan haben und wie wir es gerechtfertigt haben, damals, bevor wir die Augen öffneten für die Realität dessen was unsere Spezies jeder anderen zufügt. Zu wissen und sich ständig in Erinnerung zu rufen, wie ich selbst war, hilft mir zu verstehen und diejenigen zu erreichen, die so sind wie ich damals. Diese Achtsamkeit ist der Grund, warum es mir nie einfallen würde, gemein, beleidigend, bissig gegenüber jenen zu werden, die nicht vegan sind – noch nicht einmal um des Aufrüttelns willen. Es hätte bei mir nicht funktioniert als ich nicht vegan war und ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass es bei anderen funktionieren würde.

Aber was funktioniert dann?

Mir ist klar, dass viele, die meine Worte lesen, niemals ihren Geist öffnen werden, um die Ungerechtigkeit ihrer Handlungen und der anderen, die nicht vegan sind, zu sehen. Anderen fehlt vielleicht einfach das Einfühlungsvermögen, das ihnen helfen würde, ihr Verhalten aus der Perspektive der Opfer zu sehen. Wieder andere Leser sind so fest verstrickt in dem Lügengespinst über die Tierausbeutung, das uns überall umgibt, dass der Weckruf der Wahrheit durch die Mythen ihrer Kindheit übertönt wird, und diejenigen, die mit Körperteilen und erzwungenen Diensten handeln, machen sich ihre Unsicherheiten zunutze und vertrauen darauf, dass die Unwissenheit der Verbraucher ihnen dabei helfen wird, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Aber es gibt auch andere. Immer mal wieder von Zeit zu Zeit, erhalte ich eine Nachricht, oder sehe einen Post, oder stolpere über einen Kommentar, die mir sagen, dass meine Worte jemandem geholfen haben, vegan zu werden, oder sie mit dazu ermutigt haben, selbst mit veganer Überzeugungsarbeit zu beginnen. Das sind die sehr guten Tage – nicht aus persönlicher Sicht – sondern für die Tiere.

Für alle unsere Opfer einer jeden Spezies, ist jede neue Veganerin, jeder neue Veganer, ein Kunde weniger, der nach dem vernichtenden Schaden verlangt, der die unvermeidliche Konsequenz jeder nichtveganen Haltung ist. Für alle unsere Opfer einer jeden Spezies, ist jeder neue Veganer, jede neue Veganerin, ein Mensch mehr, der bis ans Ende seines Lebens mit jeder Wahl, die er trifft, sein absolut Bestes geben wird, keine weiteren Opfer mehr zu erzeugen.

Ehre, wem Ehre gebührt?

Ich bin jedoch ziemlich sicher, dass es nicht das ist, was die Person, die diesen Kommentar schrieb, im Sinn hatte. Sie war bei Weitem nicht die Erste, die einen Kommentar über Aggression, Vorwürfe und Schuld schrieb und so vermute ich, dass die Worte eher als Anklage denn als allgemeine Beobachtung gemeint waren. Diejenigen, die sich selbst gern als ‘pragmatisch’ darstellen, verurteilen häufig die Bereitstellung sachlicher Fakten als eine ‘Alles-oder-Nichts-Haltung im Veganismus’, und sind oft sogar feindselig gegen jene, die den Veganismus als eine einfache ‘verletzen/nicht verletzen’ Wahl darstellen.

Jeder Beitrag, der darlegt, dass die einzige Weise, aufzuhören, die Mitglieder anderer Spezies unnötig zu verletzen, darin besteht vegan zu leben, wird schnell zum Angriffsziel. Viele verurteilen solche Beitrage als ‘unrealistisch’ oder gar ‘aggressiv’. Obwohl sie behaupten, sich für die Interessen der Tiere einzusetzen, überhäufen sie andere bereits mit Lob und Zuspruch, wenn diese ihren Konsum von Fleisch, Eiern, Milch oder all den anderen Substanzen, die durch unseren mitleidlosen Gebrauch ihrer Körper und Fortpflanzungsorgane gewonnen werden, lediglich ‘reduzieren‘.

Nun ist Ermunterung eine großartige Sache – solange wir unsere Zeitgenossen dazu ermuntern, vegan zu leben. Wenn wir nicht den Veganismus vertreten, dann ist es ein Verrat an den Opfern, die weiterhin gequält und getötet werden. Auf gewisse Weise ist es ein doppelter Verrat, erstens durch diejenigen, die behaupten, es besser zu wissen, und zweitens an denjenigen, die durch sie bestärkt wurden, denn sie fühlen sich nun bestätigt und bekommen vielleicht nie wieder die Gelegenheit zu begreifen, dass sie immer noch wehrlose Unschuldige verletzen und töten.

Die Wahrheit und wie man sie sagt

Es wird immer welche geben, die bei jeder Art von Information, egal wie sachlich und faktisch richtig sie auch sein mag, ‘Aggression’, ‘negative Einstellung’, ‘Schuldgefühle’ rufen, wenn die Information die Leser in irgendeiner Weise unangenehm berührt. Und hier muss ich einmal etwas unmissverständlich klar stellen:

  • Es ist ein Riesenunterschied, die Wahrheit zu sagen, oder aggressiv, negativ oder vorwurfsvoll zu sein.
  • Aber ganz genauso gibt es einen Riesenunterschied zwischen Ermunterung, Lob, Bildung und dem Verrat derjenigen, die darauf angewiesen sind, dass wir sie vor Ungerechtigkeit verteidigen.

Und dieser Unterschied – diese Kluft zwischen Ermunterung und Verrat – ist der Punkt, an dem ich ein Problem sehe.

Was die Wahrheit nicht ist

Die Wahrheit ist genau das. Die Wahrheit. Beispielsweise habe ich, wie fast alle, die ich kenne, auch das Trauma des Zerbrechens einer langjährigen Partnerschaft von beiden Seiten aus durchleben müssen; als diejenige, die die Partnerschaft beenden wollte und als derjenige, der das Ende nicht einmal kommen sah. Es gibt diesen Punkt im traurigen Niedergang, der dem Ende vorausgeht, an dem eine Person der anderen sagen muss, dass das Gefühl verschwunden und die Partnerschaft zu Ende ist. Es war herzzerbrechend, schmerzhaft und erschütternd. Aber es war die Wahrheit und egal, wie viel Mühe man sich auch gibt, den anderen nicht zu verletzen, es tut einfach trotzdem weh. Wir haben alle schon die Situationen erlebt, wo der Versuch, um den heißen Brei herum zu reden, alles nur noch schlimmer gemacht hat. Die Wahrheit ist nicht von vornherein ein Akt der Aggression, egal, wie weh sie tut.

Die Wahrheit zu sagen ist keine negative Handlung. Eine negative Handlung ist eine, deren Absicht es ist, Leid zuzufügen und manchmal sogar unnötigerweise. Bei der Wahrheit ist es aber nicht so. Wenn sie in der Form von Tatsachen vermittelt wird, dann ist sie einfach, was sie ist. Das bedeutet nicht, dass das dann nicht weh tut, aber es gibt da keinerlei böse Absicht, eine bestimmte Reaktion, ob negativ oder positiv, auszulösen.

Die Wahrheit zu sagen, ist auch kein Vorwurf. Wie so viele andere Fürsprecher war ich auch nicht schon immer vegan, also wie könnte ich jemandem einen ‘Vorwurf’ machen für etwas, das ich selbst einmal war? Das ergibt doch keinen Sinn.

Wenn wir also über Tiere reden

Wenn wir über Tiernutzung reden und das Recht der Tiere als Individuen verteidigen, die es verdienen, unversehrt und unbehelligt zu leben, und nicht für die trivialen und unnötigen Wünsche unserer gewalttätigen Spezies ausgebeutet zu werden, dann ist die Wahrheit unangenehm, selbst wenn sie auf die sachlichste und objektivste Weise ausgedrückt wird. Wenn wir für die Rechte unserer Opfer einstehen, dann müssen wir zwangsläufig darauf hinweisen, dass es völlig unnötig ist, sie zu benutzen. Wenn wir für die Rechte unserer Opfer einstehen, dann ist es unsere Pflicht, zu erläutern auf welche Weise unsere Nutzung ihnen Schaden zufügt. Diese Information darzulegen, bedeutet, anderen eine Möglichkeit zu eröffnen, sich über die wahren Konsequenzen des Verhaltens klar zu werden, das zu ignorieren und zu rechtfertigen uns von Kindesbeinen an beigebracht wurde.

Ich habe bisher noch keine Weise gefunden, die Wahrheit über den ganzen Horror unserer Nutzung anderer Spezies zu beschreiben, ohne denjenigen, die noch daran beteiligt sind, unangenehme Gefühle wegen ihrer Taten zu bescheren. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass es keine solche Art und Weise gibt und auch nicht geben kann.

Die Realität dessen, was unsere Spezies zu verantworten hat, ist nichts weniger als eine Abscheulichkeit, deren Ausmaß eine SEHR unangenehme Wahrheit ist und diese Erkenntnis zu verinnerlichen, ist die Voraussetzung für den Moment der Erkenntnis, über den ich früher schon schrieb. Dieser Moment der Erleuchtung ist es, der den selbstzufriedenen Panzer durchbricht, der jede*n einzelne*n von uns umgab, bevor wir vegan wurden. Dieser Moment macht uns die direkten Konsequenzen unseres Tuns als Verbraucher klar und bewegt uns dazu, unser Verhalten zu ändern.

Man kann es auch anders sehen

Hier also meine Meinung zu der Idee, man solle nicht zuviele Informationen geben und Nichtveganer*innen nur gerade eben so viel zumuten, dass sie sich nicht schlecht fühlen wegen ihres Verhaltens.

Wie so viele andere könnte ich selbstverständlich genau die richtigen Worte finden, damit sie sich gut fühlen. Worte wie ‘jeder kleine Schritt zählt’, ‘immerhin ein Anfang’, ‘Leid verringern’, ‘tierfreundlichere Wahl treffen’, ‘mitfühlend sein’. Oh ja, ich kann all diese Phrasen wiederkauen, die Leuten ein gutes Gefühl für ihr Verhalten verschaffen. Ich weiß auch ganz genau, dass sie funktionieren, denn es gibt eine Menge Geld scheffelnder Unternehmen, die behaupten, die Interessen der Tiere zu vertreten und Millionen in jeder beliebigen Währung einsacken, indem sie genau diese Worte verwenden. Sie funktionieren erstklassig. Ich bin viele Jahre lang auf diese Schlagworte hereingefallen und habe, bestärkt in meiner ethischen Aufrichtigkeit, brav und regelmäßig gespendet.

Ja, es stimmt. Die Informationen zurück zu halten, die deutlich machen würden, dass jede Tiernutzung eine Verletzung der Rechte anderer Individuen ist, für die ihr Leben wertvoll ist, und dass diese Nutzung automatisch unsere nicht lebensnotwendigen Bequemlichkeiten über ihr Recht, unverletzt zu leben, stellt, kann nicht vegan lebenden Menschen, ein großartiges Gefühl verleihen – edel, ethisch, moralisch mit einem rosigen Leuchten der Selbstzufriedenheit – zumindest fühlte es sich für mich so an.

Aber es war eine Lüge; bequem zwar, aber trotzdem eine Lüge. Weil das Wort Veganismus nicht ein einziges Mal fiel.

Was du weißt und wen du kennst

Jeder, der schreibt, hat schon einmal den Rat erhalten, ‘über das zu schreiben, was du kennst’. Also: hier ist eine ganz grundlegende Sache, die ich über mich selbst weiß: Ich hasse es, wenn ich angelogen werde. Und weil ich es so verabscheue, halte ich andere zu belügen für die größte Respektlosigkeit, die ich mir vorstellen kann. Aus der Kritik, die mir entgegen geschlagen ist, speziell in den Bereichen Vegetarismus, sowie Eier– und Milchproduktekonsum, wo die Märchen über ‘artgerechte Nutzung’ gang und gäbe sind, schließe ich, dass es wohl tatsächlich Menschen zu geben scheint, die damit bereits zufrieden sind. Sie glauben tatsächlich, dass Menschen, die nicht vegan sind, besser zu ermuntern sind, indem man ihnen eine verwässerte Form der Wahrheit anbietet. Also in anderen Worten, eine Lüge.

Aber ich versuche, die Menschen zu erreichen, die so wie ich gestrickt sind. Und Leute wie ich hassen es, wenn sie angelogen werden. Wenn sie herausfinden, dass sie angelogen wurden, werden sie sehr wütend auf die Leute, die sie angelogen haben und sie werden sehr wütend auf sich selbst, weil sie die Lügen geglaubt haben, völlig egal, wie angenehm das auch war.

Ein Leben, das wert ist gelebt zu werden

Als vegane Fürsprecher ist die Wahrheit unsere stärkste Verbündete. Die Ehrlichkeit, die Aufrichtigkeit und die Leidenschaft, die von jemanden, der die Wahrheit sagt, vermittelt werden, ist unübersehbar. Ich habe immer gesagt, ich wünschte mir nur, dass irgendjemand mir schon vor Jahrzehnten die Wahrheit gesagt hätte. Wenn man bedenkt, wie fürchterlich weh das getan hätte, warum um Himmels willen geht es mir dann so?

Weil dieses Leben, an dem ich so hänge, mein einziges Leben ist. Wir alle wissen, dass das Leben mehr ist als nur eine Aneinanderreihung von Tagen, die wir im Kalender durchkreuzen. Für viele, wenn nicht sogar die meisten von uns, ist es sehr wichtig, die beste Person zu sein, die wir werden können. Wir haben einen Anspruch an uns selbst  und tun unser Bestes, dem gerecht zu werden.

Jeden Tag ist es eine echte seelische Belastung für mich, dass ich immer nur beruhigende Lügen hörte, die mir das Gefühl gaben, ethisch und bewusst zu handeln, während ich jahrzehntelang denen Spenden schickte, die nur ihre Hypotheken damit abzahlten, statt mir die Wahrheit zu sagen und meine Opfer zu verteidigen. Es macht mich wütend ,wenn ich nur daran denke, dass es damals unter meinen Bekannten womöglich Veganer gab, die alle Fakten über unsere Ausbeutung anderer Spezies kannten und sie mir verschwiegen, weil sie dachten, ich könne nicht damit umgehen. Und wegen dieser Leute, die mich mit falschem Lob überschütteten und nach welchen Kriterien auch immer beurteilten, wie viel Wahrheit ich wohl vertragen könne, wurde mir die Chance genommen, die Person zu werden, für die ich mich bereits hielt, als mir endlich das Licht aufging und ich erkannte, dass es unerlässlich für mich war, vegan zu sein.

Wir schulden allen die Wahrheit.

Wir schulden sie unseren Opfern, die niemanden haben außer uns, um für sie zu kämpfen. Und wir schulden sie auch den Mitgliedern unserer eigenen Spezies, ob sie nun vegan sind oder nicht. Weil jede*r die Wahrheit verdient. Was wir dann mit dieser Wahrheit anfangen, liegt an uns.

Sei vegan.

Hexenjagd

“Liebe Eltern, wie Ihr Euch ernährt – vegan, frutan, freegan – ist mir völlig Wurscht bzw. Banane. Bei Babys und Kleinkindern haben wir jedoch alle die Verantwortung, dass sie ohne Mangelerscheinungen aufwachsen.” ~Anneta Politi, SWR3-Morningshow

Was zunächst relativ harmlos klingt und für Veganer*innen quasi zum täglichen Brot gehört, wird bei näherer Betrachtung zum geschickt getarnten Brandsatz. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr entsetzt es mich, dass im öffentlich-rechtlichen Rundfunk einfach so zur allgemeinen Hexenjagd auf Eltern aufgerufen werden darf, nur weil diese sich weigern, ihre Kinder zu Komplizen beim größten und widerwärtigsten Gemetzel aller Zeiten zu machen.

“… haben wir jedoch alle die Verantwortung, …” – das muss man sich ein paar Mal durchlesen, bis die Tragweite des Gesagten richtig klar wird.

Na prima.

Nun wird sich also wieder jeder Hinz und Kunz berufen fühlen, vegane Eltern ungefragt mit Belehrungen zu belästigen und womöglich bei den Nachbarn und anderen Stellen zu verteufeln. Ausgerechnet Eltern, die sich in aller Regel außerordentlich viele Gedanken über die bestmögliche Ernährung ihrer Kinder machen, eben weil sie ihre Kinder lieben und diese nicht belügen wollen.

Es ist aber auch verantwortungslos, Kinder nicht ausreichend mit MRSA-Fleisch, Salmonellen-Eiern und Hormon-Milch zu versorgen. Es ist aber auch kurzsichtig und dumm, zu fordern, das Grundwassers nicht mit Nitrat zu belasten. Es ist aber auch sowas von kindisch, sich ein stabiles Klima und ein funktionierendes Ökosystem zu wünschen. Es ist aber auch sowas von naiv, mit den eigenen Kindern Gespräche über Ethik und Moral zu führen und ihr Einfühlungsvermögen und Verantwortungsgefühl zu fördern. Wer macht denn sowas? Empörend!

Die meisten veganen Eltern informieren sich gründlich, gestalten die Ernährung ihrer Familie vielfältig, ausgewogen und gesund und vor allem tun sie ihr Möglichstes, um auf dem Laufenden zu sein. Sie sind ja nicht dumm und wissen ganz genau, unter welch argwöhnischer Beobachtung sie stehen. Vegane Eltern gefährden nicht automatisch das Kindeswohl, nur weil sie vegan leben. Nichtvegane Eltern ernähren ihre Kinder nicht automatisch ausgewogen und gesund, nur weil sie ihnen tierliche Produkte in die Pausendose packen. Man kann sich auf beide Weisen sowohl gesund als auch ungesund ernähren. Das sind doch Binsenweisheiten.

Frau Politi kommt einfach so mir nichts dir nichts daher und stellt sie alle unter Generalverdacht. Sie verunglimpft sämtliche veganen Eltern und bezichtigt sie durch die Bank der Vernachlässigung und Gefährdung ihrer Kinder. Nun gut, das ist ihre Meinung und die darf sie haben. Sie darf meinen, was sie will, auch Falsches und Uninformiertes. Was sie meiner Meinung nach nicht tun darf, ist, die Zuhörer*innen ihrer Sendung dazu aufzufordern, vegane Eltern zu belästigen und sich in deren Familienangelegenheiten einzumischen. Das geht m. E. über das Meinungsfreiheitsrecht hinaus. Das ist eine Ungeheuerlichkeit.

Falls sie sich doch noch informieren möchte, kann sie hier eine Sammlung vieler großer Gesundheitsorganisationen zum Thema Veganismus in jedem Alter einsehen (runterscrollen bis zu “Links and information”). Ein bisschen Recherche wäre also schon angezeigt gewesen.

Es wird Veganer*innen ja gerne unterstellt, sie “missionierten” mit religiösem Eifer. Wie nennt sich dann das, was Frau Politi hier betreibt? Für mich fühlt es sich an, als seien die Fleischmissionare wieder auf Kreuzzug. Wenn Veganer*innen so etwas sagen, ist es unsachliche Polemik. Dasselbe im Mund von Nichtveganer*innen freilich lautere Wahrheit.

Nur weil Frau Politi nicht weiß, wie man sich auf vegane Weise gesund und gut ernährt, bedeutet das nicht, dass es auch sonst niemand weiß. Ein typisches Argumentum ad ignorantiam. Für  ihre mangelnde Vorstellungskraft und ihr Unwissen können vegane Eltern aber nichts. Warum sollten sie es ausbaden müssen?

“Liebe Frau Politi, wie Sie sich Ihre Meinungen bilden – Vorurteile, Stammtische, Bild, RTL – ist mir völlig Vurscht bzw. Banane. Bei öffentlichen Aufrufen, andere zu belästigen und zu verleumden, haben wir jedoch alle die Verantwortung, dies anzuprangern und abzulehnen.”

Es ist halt wie immer. Nichtveganer*innen denken offenbar, Informationsgewinnung sei nur was für geistige Warmduscher. Da schließe ich mich doch gerne Hagen Rethers Meinung zum Thema Diffamierungsvokabular an: “Pazifist, Frauenversteher, Gutmensch, Warmduscher – Ja, was sonst? Kalt? Sind wir bei der Wehrmacht?”

Wer sich verunsichert fühlt, oder nun von ebenso unwissenden Nachbar*innen, Lehrer*innen, Ärzt*innen, Tagesmüttern gemobbt, verhört und verdächtigt wird, findet z.B. auf Tofufamily oder Vegane-Familien.de oder Vamily Unterstützung und Information. Wie in vielen Bereichen des Lebens ist erfolgreiche vegane Ernährung lediglich eine Frage des Wollens und des entsprechenden persönlichen Einsatzes. Mehr nicht.

Wer keine Ahnung hat …

Herabsetzung und Diffamierung statt Argumente – der Veganer täglich Brot.

Wer keine Ahnung hat, der titelt “Ernährung wird zum Religionsersatz”.

Mal ehrlich: Einer großen, überregionalen, angesehenen Tageszeitung sollte so eine Überschrift inzwischen doch eigentlich wenigstens ein bisschen peinlich sein.

Das Interview, das auf der Homepage der Süddeutschen noch unter dem unaufgeregten Titel “Tiere gehören für mich zur Landwirtschaft dazu” erschienen ist, wird auf Facebook in leider inzwischen für diese “sozialen” Medien schon gewohnt unsachlich-marktschreierischer Manier vorgestellt, indem man von “absurden” Vorstellungen der Verbraucher spricht und Menschen unterstellt, ihre Ernährung sei Religionsersatz für sie.

Natürlich stellen Interviews immer die persönliche Meinung des/der Interviewten dar. Damit kann man übereinstimmen, oder auch nicht. Aber dass eine Wissenschaftlerin immer noch mit dem naturalistischen Fehlschluss aufwartet, finde ich fast schon lächerlich. Da wird von Frau Weiler vollmundig ins Feld geführt, “dass der Mensch von Natur aus ein Allesesser, ein sogenannter Omnivore ist” und das bleibt dann unhinterfragt so stehen.

Und? Nur, weil etwas “natürlich” ist, bedeutet es noch lange nicht, dass es auch ethisch vertretbar ist. Es gibt eine Vielzahl natürlicher Verhaltensweisen, die wir sozial geächtet haben, weil wir sie für unethisch halten. Etwas derart Simples muss man heutzutage Wissenschaftler*innen erklären? Menschen, die studiert haben? Menschen, die in der Lage sein sollten, logisch zu denken und zu argumentieren?

Ja, mag sein, dass wir Allesesser sind. Allerdings sollte es uns vielleicht zu denken geben, dass tierliche Produkte inzwischen mit verschiedenen Krankheiten, wie z.B. Gefäßerkrankungen und einigen Krebsarten in Zusammenhang gebracht werden. Womöglich vertragen wir die omnivore Diät (die ihrerseits selbstverständlich kein Religionsersatz ist) halt doch nicht ganz so gut, wie andere Allesesser es können.

Ja, mag sein, dass wir alles essen können, aber wir müssen es nicht. In Notzeiten wird  alles Mögliche gegessen und wenn es Brennwert hat und einen nicht direkt umbringt, hilft das zu überleben. Etwas zu können ist nicht Grund genug und schon gar nicht Berechtigung, etwas auch zu tun. Ganz besonders nicht, wenn dadurch andere empfindungsfähige, bewusste Wesen zu Schaden kommen. Es kann doch nicht angehen, dass derart einfache, logische Gedankengänge heutzutage immer noch wieder und wieder und wieder erläutert werden  müssen.

Auf den naturalistischen Fehlschluß folgt dann unweigerlich auch gleich der Traditionsappell: “Traditionell werden männliche Schweine in Europa seit mehr als 1000 Jahren kastriert.” Und? Traditionen können falsch sein. Und zwar immer dann, wenn dadurch Dritte zu Schaden kommen. Auch hier gäbe es genügend Beispiele zu nennen.

Die Religionskeule als Totschlagargument darf in diesem bunten Strauß der allerorts und bei jeder Gelegenheit gebetsmühlenhaft wiederholten Scheinargumente natürlich nicht fehlen. “Zunehmend definieren sich bei uns Menschen über ihren Ernährungsstil, dabei wird Ernährung fast zum Religionsersatz.” Derlei Behauptungen sind nichts weiter als billige rhetorische Winkelzüge, um andere zu diffamieren und als irrationale, verschrobene Wirrköpfe hinzustellen. Ein ernstzunehmendes, valides Argument ist es nicht. Und wiederum ist es bedauerlich und ärgerlich, dass eine angesehene Zeitung so etwas unhinterfragt und kritiklos stehen lässt.

Nein, Veganer*innen definieren sich nicht über ihren Speiseplan. Sie überdenken und definieren zuerst ihre Grundwerte und daraus folgend ihre Ethik. Das Konsum- und weitere Verhalten, also unter anderem Ernährung und Kleidung, werden dann an die Ethik angepasst.

Ich halte es für unlauter, Veganer*innen zu unterstellen, sie erhöben ihre Ernährungsweise zur Ersatzreligion. Motivation und daraus folgende Konsequenz werden dabei verdreht. Ob dies absichtlich oder aus echter Unkenntnis geschieht, sei dahin gestellt. Ich zumindest erlebe die philosophischen, ethischen Überlegungen des Veganismus als außerordentlich rational und möchte auf entsprechende Literatur verweisen. Hier einige Beispiele:

  • Hilal Sezgin, Artgerecht ist nur die Freiheit
  • Gary L. Francione, Eat Like You Care
  • Sherry F. Colb, Mind If I Order the Cheeseburger?
  • Tom Regan, Empty Cages
  • Friederike Schmitz, Tierethik: Grundlagentexte

Dabei will ich gar nicht verhehlen, dass die Diskussionen über Veganismus und Tierrechte mitunter emotional sehr aufgeladen sind. Das ist aber nicht einer Religiosität geschuldet, sondern entsteht aus dem schrecklichen und belastenden Wissen, dass in jeder Sekunde, jeder Minute, in der über Nebensächlichkeiten diskutiert wird, wehrlose Lebewesen in Ställen, auf Transporten, in Schlachthäusern und Labors und nicht zuletzt durch Jagd und Fischerei, unfassbares Leid erfahren. Es geht Veganer*innen nicht um Geltungsbedürfnis, moralische Überlegenheit und was der Unterstellungen mehr sind. Es geht um Gerechtigkeit und Mitgefühl. Dieses Mitgefühl mit der leidenden Kreatur, die daraus resultierende Verzweiflung und das Gefühl der Dringlichkeit lassen uns eben manchmal ungeduldig, laut, oder sarkastisch werden.

Es gibt im Veganismus keinerlei starren, seit Jahrhunderten oder Jahrtausenden fest betonierten Verhaltens- oder Ernährungsregeln wie sie sich in manchen Religionen finden lassen. Wer die Ethik des Veganismus verstanden und sich zu eigen gemacht hat, wird selbst am Meisten bemüht sein, Wege zu finden, diese Wertvorstellungen erfolgreich umzusetzen und sich ständig zu verbessern. Es gibt keine hauptberuflichen Priester*innen, Schriftgelehrten oder Prophet*innen, die irgendetwas vorschreiben, die “Sünden” vergeben können oder zumindest behaupten, es zu können. Es wird kein Paradies versprochen, aber auch nicht mit der Hölle gedroht, abgesehen von der Hölle, die wir Menschen für die Tiere errichtet haben. Zwar gibt es unter Veganer*innen auch Menschen, die auf Fehler oder Inkonsistenzen hinweisen, aber das ist völlig in Ordnung. Konstruktive Kritik ist nicht nur erlaubt, sondern ausdrücklich erwünscht. Zumindest bei jenen, die bereit sind, an sich zu arbeiten, was bei vielen Veganer*innen als grundlegende Haltung angenommen werden darf. Immerhin haben sie sich bereits kritisch auseinandergesetzt mit den Vorstellungen, Überlieferungen und Behauptungen, die ihnen von Kindesbeinen an eingetrichtert wurden. Sie haben die bestehende Tierausbeutungsideologie hinterfragt und als mangelhaft bewertet.

Ethik kann tatsächlich ein Ersatz für Religion sein. Im Gegensatz zu Religionen, die oft auf alten Büchern basieren, die bestenfalls mit viel Mühe für die Neuzeit passend uminterpretiert werden, ist Ethik ein lebendiges, wachsendes, philosophisches Gedankengebäude, das geeignet ist, zu reflektiertem, verantwortungsvollem, moralischen Handeln zu ermuntern. Religionen sind in sich selbst oft widersprüchlich und inkonsistent und daher als moralischer Kompass denkbar ungeeignet. Ethik hingegen basiert auf logischen Überlegungen, auf schlüssigen Argumenten, auf dem Gedanken, dass gleiche Situationen gleiche moralische Berücksichtigung verdienen. Ethik beruft sich nicht auf verstaubte Vorschriften, sondern fordert auf, das eigene Verhalten immer wieder auf den Prüfstand von Verständnis, Rücksicht, Empathie, Nachdenken und Mitgefühl zu stellen.

Dass es nicht für jedes Dilemma eine befriedigende Lösung gibt, ist uns schmerzhaft bewusst. Aber diejenigen Dilemmata, die lösbar sind, sollte man lösen. Eine relativ geringfügige Umstellung der Lebensführung ist nicht zuviel verlangt, wenn es für die aktuell Leidtragenden um Leben und Tod geht. Noch jede*r Veganer*in hat gesagt, dass es leichter ist, viel leichter, als zunächst befürchtet.

Wenn man sich ansieht, zu welchen Auswüchsen Religionen in der Geschichte der Menschheit geführt haben und immer noch führen, sollte uns allen sehr daran gelegen sein, die Religionen tatsächlich endlich durch eine ordentliche säkulare Ethik zu ersetzen.

Eine Frage stellt sich mir immer wieder, wenn uns unterstellt wird, Veganismus sei wie eine Religion für uns: Warum stören sich eigentlich die Kirchen nicht an diesem Vorwurf? Es werden ja nicht nur die jeweiligen Diskussionsgegner herabgesetzt, sondern auch Glaube und Religion per se. Religion wird durch solche Sätze als etwas grundsätzlich Minderwertiges und Unvernünftiges dargestellt. Das sollte doch kirchlichen Würdenträgern noch sauerer aufstoßen als uns.

Doch zurück zum Interview: Etwas später wird einfach behauptet “das Tier bleibt unversehrt”. Nein, bleibt es nicht. Sie werden letztlich alle getötet. Immer.

Noch weiter im Text wird die Würde des getöteten Lebewesens über den erzielbaren Profit definiert: “[…] 2016 […] erzielte ein Landwirt für seine Tiere 1,24 Euro pro Kilo Schlachtgewicht. Wie steht das im Verhältnis zu einem würdigen Umgang mit dem Lebewesen Tier?” fragt Frau Weiler.

Ich halte Preisangaben je Kilo “Schlachtgewicht” nicht für vereinbar mit dem Konzept der Würde von lebenden, fühlenden, bewussten Wesen. Die Höhe des erzielbaren Preises ist dabei unerheblich.

“Wer Tiere aufzieht, um sie zu töten, hat es schwer, positiv wahrgenommen zu werden.” Ja, stimmt. Aus gutem Grund und völlig zu Recht, wie ich meine.

Es ist nun einmal ethisch nicht vertretbar, fühlende, bewusste Wesen um des Profits Willen zu züchten und zu töten, zumal nicht die geringste Notwendigkeit dafür besteht. Da wir laut eigener Aussage dieser Wissenschaftlerin Allesesser sind, können wir auch einfach etwas anderes essen. Genau da beginnt die Ethik: Dürfen wir fühlende, bewusste Wesen essen, obwohl es nicht nötig ist?

Darauf kann die Antwort nur lauten: selbstverständlich nicht.

Alle, die sich wünschen, dass die Tiere gut behandelt werden, dass sie ein schönes Leben und einen “leichten” Tod haben, erkennen damit an, dass Tiere Gefühle haben, dass sie unterscheiden können zwischen angenehm/unangenehm, Wohlgefühl/Schmerz und dass sie ein Interesse daran haben, nicht zu leiden und am Leben zu bleiben. Es bedeutet, dass uns, den Verbraucher*innen, sehr wohl klar ist, dass es sich um bewusste, fühlende Wesen handelt. Es ist deshalb unsere Pflicht und unsere Verantwortung, sie moralisch zu berücksichtigen und das bedeutet, ihre Ausbeutung und Tötung zu unterlassen.

Ein bewusstes, fühlendes Wesen nur zu züchten, um es alsbald zu töten, ist die maximale Missachtung dieses Wesens und seines Lebens und zwar auch dann, wenn man sich vorgeblich gut darum kümmert.

Nicht wie wir sie benutzen, ist das Problem, sondern dass wir es tun.

Hör auf dein Herz und dein Gewissen. Sei fair. Sei vegan.

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