Hexenjagd

“Liebe Eltern, wie Ihr Euch ernährt – vegan, frutan, freegan – ist mir völlig Wurscht bzw. Banane. Bei Babys und Kleinkindern haben wir jedoch alle die Verantwortung, dass sie ohne Mangelerscheinungen aufwachsen.” ~Anneta Politi, SWR3-Morningshow

Was zunächst relativ harmlos klingt und für Veganer*innen quasi zum täglichen Brot gehört, wird bei näherer Betrachtung zum geschickt getarnten Brandsatz. Je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr entsetzt es mich, dass im öffentlich-rechtlichen Rundfunk einfach so zur allgemeinen Hexenjagd auf Eltern aufgerufen werden darf, nur weil diese sich weigern, ihre Kinder zu Komplizen beim größten und widerwärtigsten Gemetzel aller Zeiten zu machen.

“… haben wir jedoch alle die Verantwortung, …” – das muss man sich ein paar Mal durchlesen, bis die Tragweite des Gesagten richtig klar wird.

Na prima.

Nun wird sich also wieder jeder Hinz und Kunz berufen fühlen, vegane Eltern ungefragt mit Belehrungen zu belästigen und womöglich bei den Nachbarn und anderen Stellen zu verteufeln. Ausgerechnet Eltern, die sich in aller Regel außerordentlich viele Gedanken über die bestmögliche Ernährung ihrer Kinder machen, eben weil sie ihre Kinder lieben und diese nicht belügen wollen.

Es ist aber auch verantwortungslos, Kinder nicht ausreichend mit MRSA-Fleisch, Salmonellen-Eiern und Hormon-Milch zu versorgen. Es ist aber auch kurzsichtig und dumm, zu fordern, das Grundwassers nicht mit Nitrat zu belasten. Es ist aber auch sowas von kindisch, sich ein stabiles Klima und ein funktionierendes Ökosystem zu wünschen. Es ist aber auch sowas von naiv, mit den eigenen Kindern Gespräche über Ethik und Moral zu führen und ihr Einfühlungsvermögen und Verantwortungsgefühl zu fördern. Wer macht denn sowas? Empörend!

Die meisten veganen Eltern informieren sich gründlich, gestalten die Ernährung ihrer Familie vielfältig, ausgewogen und gesund und vor allem tun sie ihr Möglichstes, um auf dem Laufenden zu sein. Sie sind ja nicht dumm und wissen ganz genau, unter welch argwöhnischer Beobachtung sie stehen. Vegane Eltern gefährden nicht automatisch das Kindeswohl, nur weil sie vegan leben. Nichtvegane Eltern ernähren ihre Kinder nicht automatisch ausgewogen und gesund, nur weil sie ihnen tierliche Produkte in die Pausendose packen. Man kann sich auf beide Weisen sowohl gesund als auch ungesund ernähren. Das sind doch Binsenweisheiten.

Frau Politi kommt einfach so mir nichts dir nichts daher und stellt sie alle unter Generalverdacht. Sie verunglimpft sämtliche veganen Eltern und bezichtigt sie durch die Bank der Vernachlässigung und Gefährdung ihrer Kinder. Nun gut, das ist ihre Meinung und die darf sie haben. Sie darf meinen, was sie will, auch Falsches und Uninformiertes. Was sie meiner Meinung nach nicht tun darf, ist, die Zuhörer*innen ihrer Sendung dazu aufzufordern, vegane Eltern zu belästigen und sich in deren Familienangelegenheiten einzumischen. Das geht m. E. über das Meinungsfreiheitsrecht hinaus. Das ist eine Ungeheuerlichkeit.

Falls sie sich doch noch informieren möchte, kann sie hier eine Sammlung vieler großer Gesundheitsorganisationen zum Thema Veganismus in jedem Alter einsehen (runterscrollen bis zu “Links and information”). Ein bisschen Recherche wäre also schon angezeigt gewesen.

Es wird Veganer*innen ja gerne unterstellt, sie “missionierten” mit religiösem Eifer. Wie nennt sich dann das, was Frau Politi hier betreibt? Für mich fühlt es sich an, als seien die Fleischmissionare wieder auf Kreuzzug. Wenn Veganer*innen so etwas sagen, ist es unsachliche Polemik. Dasselbe im Mund von Nichtveganer*innen freilich lautere Wahrheit.

Nur weil Frau Politi nicht weiß, wie man sich auf vegane Weise gesund und gut ernährt, bedeutet das nicht, dass es auch sonst niemand weiß. Ein typisches Argumentum ad ignorantiam. Für  ihre mangelnde Vorstellungskraft und ihr Unwissen können vegane Eltern aber nichts. Warum sollten sie es ausbaden müssen?

“Liebe Frau Politi, wie Sie sich Ihre Meinungen bilden – Vorurteile, Stammtische, Bild, RTL – ist mir völlig Vurscht bzw. Banane. Bei öffentlichen Aufrufen, andere zu belästigen und zu verleumden, haben wir jedoch alle die Verantwortung, dies anzuprangern und abzulehnen.”

Es ist halt wie immer. Nichtveganer*innen denken offenbar, Informationsgewinnung sei nur was für geistige Warmduscher. Da schließe ich mich doch gerne Hagen Rethers Meinung zum Thema Diffamierungsvokabular an: “Pazifist, Frauenversteher, Gutmensch, Warmduscher – Ja, was sonst? Kalt? Sind wir bei der Wehrmacht?”

Wer sich verunsichert fühlt, oder nun von ebenso unwissenden Nachbar*innen, Lehrer*innen, Ärzt*innen, Tagesmüttern gemobbt, verhört und verdächtigt wird, findet z.B. auf Tofufamily oder Vegane-Familien.de oder Vamily Unterstützung und Information. Wie in vielen Bereichen des Lebens ist erfolgreiche vegane Ernährung lediglich eine Frage des Wollens und des entsprechenden persönlichen Einsatzes. Mehr nicht.

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