Aggression, Vorwürfe und Schuld

Dies ist eine Übersetzung des Blog-Beitrags: Aggression, blame and guilt vom 14. Dezember 2017.

There’s an Elephant in the Room blog ist einer der besten Blogs zum Thema Veganismus und Tierrechte und ich wünschte, ich hätte mehr Zeit, denn am liebsten würde ich alle Beiträge übersetzen.

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Foto: Jo-Anne McArthur, We Animals

Ein Kommentar zu einem kürzlich erschienen Beitrag meinte hinsichtlich veganer Überzeugungsarbeit, dass ‘die Leute auf Aggression, Vorwürfe und Schuld nicht positiv ansprechen würden, sondern viel eher auf Ermunterung, Lob und Bildung’. Ich muss sagen, dass ich mit diesem Prinzip übereinstimme, allerdings unter bestimmten Bedingungen, die ich erläutern werde.

Lektionen aus der Vergangenheit

Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole, wir alle müssen uns daran erinnern, woher wir gekommen sind, müssen uns daran erinnern, wie wir aufgewachsen sind, müssen uns daran erinnern, was und wie wir gedacht haben. Wir können es uns nicht leisten zu vergessen, was wir getan haben und wie wir es gerechtfertigt haben, damals, bevor wir die Augen öffneten für die Realität dessen was unsere Spezies jeder anderen zufügt. Zu wissen und sich ständig in Erinnerung zu rufen, wie ich selbst war, hilft mir zu verstehen und diejenigen zu erreichen, die so sind wie ich damals. Diese Achtsamkeit ist der Grund, warum es mir nie einfallen würde, gemein, beleidigend, bissig gegenüber jenen zu werden, die nicht vegan sind – noch nicht einmal um des Aufrüttelns willen. Es hätte bei mir nicht funktioniert als ich nicht vegan war und ich habe keinen Grund zu der Annahme, dass es bei anderen funktionieren würde.

Aber was funktioniert dann?

Mir ist klar, dass viele, die meine Worte lesen, niemals ihren Geist öffnen werden, um die Ungerechtigkeit ihrer Handlungen und der anderen, die nicht vegan sind, zu sehen. Anderen fehlt vielleicht einfach das Einfühlungsvermögen, das ihnen helfen würde, ihr Verhalten aus der Perspektive der Opfer zu sehen. Wieder andere Leser sind so fest verstrickt in dem Lügengespinst über die Tierausbeutung, das uns überall umgibt, dass der Weckruf der Wahrheit durch die Mythen ihrer Kindheit übertönt wird, und diejenigen, die mit Körperteilen und erzwungenen Diensten handeln, machen sich ihre Unsicherheiten zunutze und vertrauen darauf, dass die Unwissenheit der Verbraucher ihnen dabei helfen wird, ihnen das Geld aus der Tasche zu ziehen.

Aber es gibt auch andere. Immer mal wieder von Zeit zu Zeit, erhalte ich eine Nachricht, oder sehe einen Post, oder stolpere über einen Kommentar, die mir sagen, dass meine Worte jemandem geholfen haben, vegan zu werden, oder sie mit dazu ermutigt haben, selbst mit veganer Überzeugungsarbeit zu beginnen. Das sind die sehr guten Tage – nicht aus persönlicher Sicht – sondern für die Tiere.

Für alle unsere Opfer einer jeden Spezies, ist jede neue Veganerin, jeder neue Veganer, ein Kunde weniger, der nach dem vernichtenden Schaden verlangt, der die unvermeidliche Konsequenz jeder nichtveganen Haltung ist. Für alle unsere Opfer einer jeden Spezies, ist jeder neue Veganer, jede neue Veganerin, ein Mensch mehr, der bis ans Ende seines Lebens mit jeder Wahl, die er trifft, sein absolut Bestes geben wird, keine weiteren Opfer mehr zu erzeugen.

Ehre, wem Ehre gebührt?

Ich bin jedoch ziemlich sicher, dass es nicht das ist, was die Person, die diesen Kommentar schrieb, im Sinn hatte. Sie war bei Weitem nicht die Erste, die einen Kommentar über Aggression, Vorwürfe und Schuld schrieb und so vermute ich, dass die Worte eher als Anklage denn als allgemeine Beobachtung gemeint waren. Diejenigen, die sich selbst gern als ‘pragmatisch’ darstellen, verurteilen häufig die Bereitstellung sachlicher Fakten als eine ‘Alles-oder-Nichts-Haltung im Veganismus’, und sind oft sogar feindselig gegen jene, die den Veganismus als eine einfache ‘verletzen/nicht verletzen’ Wahl darstellen.

Jeder Beitrag, der darlegt, dass die einzige Weise, aufzuhören, die Mitglieder anderer Spezies unnötig zu verletzen, darin besteht vegan zu leben, wird schnell zum Angriffsziel. Viele verurteilen solche Beitrage als ‘unrealistisch’ oder gar ‘aggressiv’. Obwohl sie behaupten, sich für die Interessen der Tiere einzusetzen, überhäufen sie andere bereits mit Lob und Zuspruch, wenn diese ihren Konsum von Fleisch, Eiern, Milch oder all den anderen Substanzen, die durch unseren mitleidlosen Gebrauch ihrer Körper und Fortpflanzungsorgane gewonnen werden, lediglich ‘reduzieren‘.

Nun ist Ermunterung eine großartige Sache – solange wir unsere Zeitgenossen dazu ermuntern, vegan zu leben. Wenn wir nicht den Veganismus vertreten, dann ist es ein Verrat an den Opfern, die weiterhin gequält und getötet werden. Auf gewisse Weise ist es ein doppelter Verrat, erstens durch diejenigen, die behaupten, es besser zu wissen, und zweitens an denjenigen, die durch sie bestärkt wurden, denn sie fühlen sich nun bestätigt und bekommen vielleicht nie wieder die Gelegenheit zu begreifen, dass sie immer noch wehrlose Unschuldige verletzen und töten.

Die Wahrheit und wie man sie sagt

Es wird immer welche geben, die bei jeder Art von Information, egal wie sachlich und faktisch richtig sie auch sein mag, ‘Aggression’, ‘negative Einstellung’, ‘Schuldgefühle’ rufen, wenn die Information die Leser in irgendeiner Weise unangenehm berührt. Und hier muss ich einmal etwas unmissverständlich klar stellen:

  • Es ist ein Riesenunterschied, die Wahrheit zu sagen, oder aggressiv, negativ oder vorwurfsvoll zu sein.
  • Aber ganz genauso gibt es einen Riesenunterschied zwischen Ermunterung, Lob, Bildung und dem Verrat derjenigen, die darauf angewiesen sind, dass wir sie vor Ungerechtigkeit verteidigen.

Und dieser Unterschied – diese Kluft zwischen Ermunterung und Verrat – ist der Punkt, an dem ich ein Problem sehe.

Was die Wahrheit nicht ist

Die Wahrheit ist genau das. Die Wahrheit. Beispielsweise habe ich, wie fast alle, die ich kenne, auch das Trauma des Zerbrechens einer langjährigen Partnerschaft von beiden Seiten aus durchleben müssen; als diejenige, die die Partnerschaft beenden wollte und als derjenige, der das Ende nicht einmal kommen sah. Es gibt diesen Punkt im traurigen Niedergang, der dem Ende vorausgeht, an dem eine Person der anderen sagen muss, dass das Gefühl verschwunden und die Partnerschaft zu Ende ist. Es war herzzerbrechend, schmerzhaft und erschütternd. Aber es war die Wahrheit und egal, wie viel Mühe man sich auch gibt, den anderen nicht zu verletzen, es tut einfach trotzdem weh. Wir haben alle schon die Situationen erlebt, wo der Versuch, um den heißen Brei herum zu reden, alles nur noch schlimmer gemacht hat. Die Wahrheit ist nicht von vornherein ein Akt der Aggression, egal, wie weh sie tut.

Die Wahrheit zu sagen ist keine negative Handlung. Eine negative Handlung ist eine, deren Absicht es ist, Leid zuzufügen und manchmal sogar unnötigerweise. Bei der Wahrheit ist es aber nicht so. Wenn sie in der Form von Tatsachen vermittelt wird, dann ist sie einfach, was sie ist. Das bedeutet nicht, dass das dann nicht weh tut, aber es gibt da keinerlei böse Absicht, eine bestimmte Reaktion, ob negativ oder positiv, auszulösen.

Die Wahrheit zu sagen, ist auch kein Vorwurf. Wie so viele andere Fürsprecher war ich auch nicht schon immer vegan, also wie könnte ich jemandem einen ‘Vorwurf’ machen für etwas, das ich selbst einmal war? Das ergibt doch keinen Sinn.

Wenn wir also über Tiere reden

Wenn wir über Tiernutzung reden und das Recht der Tiere als Individuen verteidigen, die es verdienen, unversehrt und unbehelligt zu leben, und nicht für die trivialen und unnötigen Wünsche unserer gewalttätigen Spezies ausgebeutet zu werden, dann ist die Wahrheit unangenehm, selbst wenn sie auf die sachlichste und objektivste Weise ausgedrückt wird. Wenn wir für die Rechte unserer Opfer einstehen, dann müssen wir zwangsläufig darauf hinweisen, dass es völlig unnötig ist, sie zu benutzen. Wenn wir für die Rechte unserer Opfer einstehen, dann ist es unsere Pflicht, zu erläutern auf welche Weise unsere Nutzung ihnen Schaden zufügt. Diese Information darzulegen, bedeutet, anderen eine Möglichkeit zu eröffnen, sich über die wahren Konsequenzen des Verhaltens klar zu werden, das zu ignorieren und zu rechtfertigen uns von Kindesbeinen an beigebracht wurde.

Ich habe bisher noch keine Weise gefunden, die Wahrheit über den ganzen Horror unserer Nutzung anderer Spezies zu beschreiben, ohne denjenigen, die noch daran beteiligt sind, unangenehme Gefühle wegen ihrer Taten zu bescheren. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass es keine solche Art und Weise gibt und auch nicht geben kann.

Die Realität dessen, was unsere Spezies zu verantworten hat, ist nichts weniger als eine Abscheulichkeit, deren Ausmaß eine SEHR unangenehme Wahrheit ist und diese Erkenntnis zu verinnerlichen, ist die Voraussetzung für den Moment der Erkenntnis, über den ich früher schon schrieb. Dieser Moment der Erleuchtung ist es, der den selbstzufriedenen Panzer durchbricht, der jede*n einzelne*n von uns umgab, bevor wir vegan wurden. Dieser Moment macht uns die direkten Konsequenzen unseres Tuns als Verbraucher klar und bewegt uns dazu, unser Verhalten zu ändern.

Man kann es auch anders sehen

Hier also meine Meinung zu der Idee, man solle nicht zuviele Informationen geben und Nichtveganer*innen nur gerade eben so viel zumuten, dass sie sich nicht schlecht fühlen wegen ihres Verhaltens.

Wie so viele andere könnte ich selbstverständlich genau die richtigen Worte finden, damit sie sich gut fühlen. Worte wie ‘jeder kleine Schritt zählt’, ‘immerhin ein Anfang’, ‘Leid verringern’, ‘tierfreundlichere Wahl treffen’, ‘mitfühlend sein’. Oh ja, ich kann all diese Phrasen wiederkauen, die Leuten ein gutes Gefühl für ihr Verhalten verschaffen. Ich weiß auch ganz genau, dass sie funktionieren, denn es gibt eine Menge Geld scheffelnder Unternehmen, die behaupten, die Interessen der Tiere zu vertreten und Millionen in jeder beliebigen Währung einsacken, indem sie genau diese Worte verwenden. Sie funktionieren erstklassig. Ich bin viele Jahre lang auf diese Schlagworte hereingefallen und habe, bestärkt in meiner ethischen Aufrichtigkeit, brav und regelmäßig gespendet.

Ja, es stimmt. Die Informationen zurück zu halten, die deutlich machen würden, dass jede Tiernutzung eine Verletzung der Rechte anderer Individuen ist, für die ihr Leben wertvoll ist, und dass diese Nutzung automatisch unsere nicht lebensnotwendigen Bequemlichkeiten über ihr Recht, unverletzt zu leben, stellt, kann nicht vegan lebenden Menschen, ein großartiges Gefühl verleihen – edel, ethisch, moralisch mit einem rosigen Leuchten der Selbstzufriedenheit – zumindest fühlte es sich für mich so an.

Aber es war eine Lüge; bequem zwar, aber trotzdem eine Lüge. Weil das Wort Veganismus nicht ein einziges Mal fiel.

Was du weißt und wen du kennst

Jeder, der schreibt, hat schon einmal den Rat erhalten, ‘über das zu schreiben, was du kennst’. Also: hier ist eine ganz grundlegende Sache, die ich über mich selbst weiß: Ich hasse es, wenn ich angelogen werde. Und weil ich es so verabscheue, halte ich andere zu belügen für die größte Respektlosigkeit, die ich mir vorstellen kann. Aus der Kritik, die mir entgegen geschlagen ist, speziell in den Bereichen Vegetarismus, sowie Eier– und Milchproduktekonsum, wo die Märchen über ‘artgerechte Nutzung’ gang und gäbe sind, schließe ich, dass es wohl tatsächlich Menschen zu geben scheint, die damit bereits zufrieden sind. Sie glauben tatsächlich, dass Menschen, die nicht vegan sind, besser zu ermuntern sind, indem man ihnen eine verwässerte Form der Wahrheit anbietet. Also in anderen Worten, eine Lüge.

Aber ich versuche, die Menschen zu erreichen, die so wie ich gestrickt sind. Und Leute wie ich hassen es, wenn sie angelogen werden. Wenn sie herausfinden, dass sie angelogen wurden, werden sie sehr wütend auf die Leute, die sie angelogen haben und sie werden sehr wütend auf sich selbst, weil sie die Lügen geglaubt haben, völlig egal, wie angenehm das auch war.

Ein Leben, das wert ist gelebt zu werden

Als vegane Fürsprecher ist die Wahrheit unsere stärkste Verbündete. Die Ehrlichkeit, die Aufrichtigkeit und die Leidenschaft, die von jemanden, der die Wahrheit sagt, vermittelt werden, ist unübersehbar. Ich habe immer gesagt, ich wünschte mir nur, dass irgendjemand mir schon vor Jahrzehnten die Wahrheit gesagt hätte. Wenn man bedenkt, wie fürchterlich weh das getan hätte, warum um Himmels willen geht es mir dann so?

Weil dieses Leben, an dem ich so hänge, mein einziges Leben ist. Wir alle wissen, dass das Leben mehr ist als nur eine Aneinanderreihung von Tagen, die wir im Kalender durchkreuzen. Für viele, wenn nicht sogar die meisten von uns, ist es sehr wichtig, die beste Person zu sein, die wir werden können. Wir haben einen Anspruch an uns selbst  und tun unser Bestes, dem gerecht zu werden.

Jeden Tag ist es eine echte seelische Belastung für mich, dass ich immer nur beruhigende Lügen hörte, die mir das Gefühl gaben, ethisch und bewusst zu handeln, während ich jahrzehntelang denen Spenden schickte, die nur ihre Hypotheken damit abzahlten, statt mir die Wahrheit zu sagen und meine Opfer zu verteidigen. Es macht mich wütend ,wenn ich nur daran denke, dass es damals unter meinen Bekannten womöglich Veganer gab, die alle Fakten über unsere Ausbeutung anderer Spezies kannten und sie mir verschwiegen, weil sie dachten, ich könne nicht damit umgehen. Und wegen dieser Leute, die mich mit falschem Lob überschütteten und nach welchen Kriterien auch immer beurteilten, wie viel Wahrheit ich wohl vertragen könne, wurde mir die Chance genommen, die Person zu werden, für die ich mich bereits hielt, als mir endlich das Licht aufging und ich erkannte, dass es unerlässlich für mich war, vegan zu sein.

Wir schulden allen die Wahrheit.

Wir schulden sie unseren Opfern, die niemanden haben außer uns, um für sie zu kämpfen. Und wir schulden sie auch den Mitgliedern unserer eigenen Spezies, ob sie nun vegan sind oder nicht. Weil jede*r die Wahrheit verdient. Was wir dann mit dieser Wahrheit anfangen, liegt an uns.

Sei vegan.

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