artgerecht, schmartgerecht

Überall lauter Artgerechtigkeitsexpert*innen, die ganz genau wissen, was für andere Spezies artgerecht ist. Selbsternannte Expert*innen, die sich kraft ihrer Ausbeutung anderer Spezies die Kompetenz anmassen, mir selbstbewusst zu erklären, wie man andere Spezies artgerecht einkerkert, sie artgerecht zwangsentsamt und mit dem so gewonnen Sperma artgerecht zwangsschwängert, wie man ihnen artgerecht die Eier, die Kinder, die Milch, die Wolle, die Federn, einfach alles, sogar das Leben, raubt.

Und so lange es nach Ansicht dieser Artgerechtigkeitsexpert*innen artgerecht zugeht, sind alle diese Handlungen völlig in Ordnung. Ein Einverständnis der anderen Spezies ist nicht notwendig für deren Benutzung und Tötung. Hauptsache, es geht dabei artgerecht zu und was artgerecht ist, das legen nicht etwa diejenigen fest, die benutzt und schließlich getötet werden, sondern diejenigen, die andere benutzen, einsperren, ausbeuten und töten.

Bei so viel Expertentum zu dem, was artgerecht für andere Spezies ist, sollte das Wissen darüber, was für die eigene Spezies artgerecht ist, noch wesentlich besser und tiefer sein. Immerhin ist das die Spezies, die man selbst aus eigener Erfahrung ganz persönlich und somit aus erster Hand kennt.

Also, bitte: Könnten mir einige dieser Artgerechtigkeitsexpert*innen erläutern, wie ich möglichst artgerecht an den saftigen Schinken des wohlgenährten Herrn M. von schräg gegenüber herankomme? Ja, der Schinken befindet sich zur Zeit noch an Herrn M., aber laut Artgerechtigkeitsexpertise sämtlicher Tierprodukteerzeuger- und konsument*innen gibt es kein Problem damit, ein Lebewesen zu Schinken zu verarbeiten, solange dies nur artgerecht geschieht. Einverständnis der Schinkenspender*innen ist nicht erforderlich. Auch Kannibal*innen sollten ab und an ihr Lieblingsfleisch essen dürfen, finde ich.

Satire beiseite.

Ich weiß, dass es keine artgerechte Möglichkeit gibt, mich zu töten. Mich mein ganzes Leben lang einzusperren, selbst wenn ich mir nichts habe zuschulden kommen lassen und für niemanden eine Gefahr darstelle, würde ich ebenfalls nicht als artgerecht und schon gar nicht als gerecht empfinden. Ich wünsche, keinesfalls mit dem Sperma fremder Männer ohne mein Einverständnis befruchtet zu werden. Und hätte ich Kinder würde ich sie keinesfalls freiwillig an jemanden ausliefern, selbst wenn ich nicht wüsste, dass dieser vorhat, sie zu mästen, um sie möglichst bald zu töten. Ich weiß, dass ich es nicht als artgerecht empfände, wenn ich in einem Körper leben müsste, der bei jedem verdammten Eisprung im Turbotempo ein vollständig entwickeltes, aber nicht lebensfähiges Baby in extragroß und extraschwer produzierte, das ich allmonatlich unter Schmerzen zur Welt zu bringen gezwungen wäre, bis mein Körper komplett ausgezehrt ist.

Artgerecht – das ist nur eine leere, hohle Floskel, die wir erfunden haben, um unser Gewissen ins Koma zu wiegen.

Andere fühlende, bewusste Lebewesen für die eigenen Zwecke zu benutzen, kann nicht und niemals artgerecht sein. Es ist so einfach. Der einzige Körper, der mir gehört, über den ich verfügen, von dem ich etwas “ernten” darf, ist mein eigener. Keiner sonst.

Hör auf, andere zu benutzen. Tiere sind keine Objekte, sie sind nicht etwas, sie sind jemand. Ihre Leben, ihre Unversehrtheit ist für sie nicht weniger wichtig, als deine für dich. Respektiere das so, wie du wünschst, dass dein Leben und deine Unversehrtheit respektiert werden sollen. Alles andere ist verlogener Selbstbetrug.

Sei fair, sei vegan.

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